Wer sich schon einmal in einer Kampfsportart versucht hat der weiß, dass dabei wesentlich mehr dazugehört als nur Schlag-, Tritt- und Wurftechniken. Doch wie schafft man die körperliche Basis, um diese komplexen Bewegungsabläufe ausführen zu können? Gibt es hier gar Parallelen zum Functional Training? In diesem Artikel stellt Stefan „The Bear“ Wüthrich, professioneller Trainer für Kampfsport, Functional Fitness und Selbstverteidigung, Functional Training und Kampfsport gegenüber und geht der Frage nach, ob die beiden Sportarten einander ergänzen oder nicht.

Functional Training: Klarheit im Definitionsdschungel

Stefan "The Bear" Wüthrich vor einem Traktorreifen mit einem großen Hammer zu seiner Seite

Der Autor Stefan „The Bear“ Wüthrich ist professioneller Trainer für Kampfsport, Functional Fitness und Selbstverteidigung, zweifacher Schweizer Meister im Sanda Boxen sowie Vizeweltmeister im Kickboxen und absolvierte bisher 30 Vollkontakt-Kämpfe in der Schweiz und im Ausland.

Bevor man die Frage, ob Functional Training eine sinnvolle Ergänzung zu Kampfsport ist (und umgekehrt) muss zunächst geklärt werden, was in diesem Zusammenhang unter den beiden Begriffen zu verstehen ist.

Es existieren die verschiedensten Definitionen von Functional Training. Das ist nachvollziehbar, denn so vielseitig und komplex wie Functional Training in seiner Durchführung ist, so vielseitig sind auch die Versuche, die Sportart zu definieren. Damit man von effektivem und leistungssteigerndem Functional Training reden kann müssen aber zumindest einige der folgenden Faktoren erfüllt sein:

  • Laterale bzw. multidirektionale statt ausschließlich lineare Bewegungen
  • Eine Mischung aus Kraft– und Konditionstraining
  • Einbezug der Rumpfkraft
  • Einbezug von instabilem Untergrund zur Steigerung von Gleichgewicht, Flexibilität und Koordination
  • Einbezug mehrerer Muskelgruppen
  • Die Stabilisierung übernimmt der Körper, nicht die Kraftmaschine

Je mehr von diesen Faktoren kombiniert und in eine Übung Training integriert werden, desto funktioneller ist das Training. Keinesfalls unter Functional Training einzuordnen sind jedenfalls Trainingseinheiten, die die folgenden Eigenschaften aufweisen:

  • Isoliertes Muskeltraining
  • Übungen, bei denen die Stabilisation des Athleten von einer Maschine übernommen wird
  • Übungen, bei denen man vorwiegend nur sitzt, liegt oder steht, ohne mehrere Muskelgruppen kombiniert zu trainieren

Das klassische Muskeltraining im Kraftraum (ausgenommen Schlingentraining mit dem TRX oder einem ähnlichen Schlingentrainer) gehört somit nicht zum Functional Training.

Kampfsport ist nicht gleich Kampfsport

Wie auch beim Functional Training versteht man unter Kampfsport die Verknüpfung komplexer Bewegungsabläufe in Verbindung mit Schnellkraft, Reaktion und Kondition. Außerdem gehört die Fähigkeit dazu, einstecken zu können, aber auch auszuteilen. Je nach Art des Kampfsports sind verschiedene Techniken erlaubt oder eben verboten. Dieser Artikel bezieht sich auf alle Vollkontakt-Kampfsportarten wie beispielsweise Sanda Boxen, K-1, Muay Thai oder MMA.

Das Team von Ambo Training

Headcoach Stefan „The Bear“ Wüthrich mit dem Team von Ambo Training Martial Arts in Ostermundigen. Außerdem betreibt er in seiner Schweizer Heimat die Luta Livre Academy Bern in der er Kampfsport und Functional Training kombiniert.

Functional Training & Kampfsport – Eine sinnvolle Kombination?

Zu Beantwortung dieser Frage lohnt es sich, noch einmal die Faktoren zu betrachten, die Functional Training ausmachen:

Laterale bzw. multidirektionale statt ausschließlich lineare Bewegungen

Viele Bewegungen im Kampfsport werden ebenfalls lateral respektive multidirektional ausgeführt. Man betrachte zum Beispiel einen „Seitwärtskick“ zum Oberschenkel oder die Kombination „Jab“ (Angetäuschter Schlag), „Punch“ und „Drehkick“. Der Körper muss sich an solche Bewegungsmuster gewöhnen. Nur mit einem zweckmässigen Training können diese blitzschnell und gezielt ausgeführt werden.

Eine Mischung aus Kraft- und Konditionstraining

Auch ein Kampfsporttraining ist nichts anderes als eine Mischung aus Kraft– und Konditionstraining. Wer schon einmal ein intensives und hartes Kampfsporttraining absolviert hat, weiß was hier gemeint ist. Besonders der Bodenkampf (Grappling, Luta Livre) verlangt einem alles ab. Das ständige Greifen, Befreien, Halten, Ziehen und Drücken lässt die verschiedensten Muskelgruppen übersäuern.

Einbezug der Rumpfkraft

Der Rumpf ist der entscheidende Mittelpunkt unserer Körpers. Wer von sich behauptet fit zu sein, sollte einen starken und flexiblen Rumpf haben. Dazu gehören unter anderem die gesamte Bauch- sowie Rückenmuskulatur. Beim Kampfsport werden sämtliche Schläge und Tritte aus dem Rumpf heraus ausgeführt. Wer richtig Boxen und Kicken kann, der kann seinen Rumpf blitzschnell beschleunigen und bremsen. Außerdem hilft ein stabiler Rumpf beim Einstecken von Schlägen.

Einbezug von instabilem Untergrund zur Steigerung von Gleichgewicht, Flexibilität und Koordination

Verschiedene Kampfsportarten wie beispielsweise MMA sind sehr vielseitig und abwechslungsreich. Mal steht man auf beiden Füßen, mal nur auf einem Fußballen, mal sitzt man oder liegt seitwärts auf dem Rücken. Das ist jedoch nicht alles. Nicht selten ist es der Fall, dass der Gegner auf einem liegt, sich bewegt, greift oder schlägt. Es macht Sinn, den Körper auf diesen Stress vorzubereiten.

Einbezug mehrerer Muskelgruppen

Alle Bewegungen, die im Kampfsport üblich sind, beanspruchen immer mehrere Muskelgruppen. Es macht aus diesem Grund wenig Sinn, einzelne Muskeln isoliert zu trainieren, denn der Körper muss sich auf komplexe Bewegungsmuster einstellen können. Diese Fähigkeiten sind nicht angeboren. Man stelle sich beispielsweise die Komplexität eines klassischen Takedowns (den Gegner mit einem Wurf zu Boden bringen) vor. Ein solcher, erfolgreich ausgeführter Wurf stellt das Ergebnis eines komplexen Ganzkörpertrainings dar.

Die Stabilisierung übernimmt der Körper, nicht die Kraftmaschine

Im Kampfsporttraining wie auch beim Wettkampf ist der Athlet auf sich alleine gestellt. Keine Kraftmaschine unterstützt oder stabilisiert seine Bewegungen. Somit sollte jeder Athlet so trainieren, wie er kämpft. Es ist wichtig, dass das Fitnesstraining wann immer möglich ohne stabilisierende Kraftmaschinen ausgeführt wird.

Stefan "The Bear" Wüthrich macht einen Turkish Get Up mit einer Partnerin vor einem Fluss

Stefan „The Bear“ Wüthrich bei der Ausführung eines Turkish Get Up – statt mit einer Kettlebell, mit einer Frau.

Functional Training & Kampfsport – Ein optimale Kombination!

Die obige Gegenüberstellung von Functional Training und Kampfsport ist eindeutig: Functional Training passt nicht nur sehr gut zu Kampfsport, die beiden Sportarten ergänzen sich gegenseitig optimal. Wer im Kampfsport etwas erreichen und aktiv Wettkämpfe bestreiten oder zumindest allseits in der Lage sein möchte, sich in Notsituationen effektiv verteidigen zu können, kommt nicht um ergänzendes Functional Training herum.

Gleichzeitig bietet der Kampfsport eine Anwendungsmöglichkeit für die im Functional Training erlernten, komplexen Bewegungsmuster.

Kampfsportler bereiten sich häufig bis zu fünf Wochen lang intensiv auf einen Wettkampf vor. In diesen fünf Wochen sollte das Functional Training den gleichen Stellenwert wie das Kampfsporttraining haben, denn ohne Functional Training ist eine effiziente Wettkampfvorbereitung beinahe undenkbar.

 

Hast Du schon eine Kampfsportart ausprobiert? Wie ist es Dir dabei ergangen? Erzähl uns davon in den Kommentaren.